Günther Grass

Zu Anfang stand ich der Sache mit seiner, ja sehr kurzen, SS vergangenheit neutral gegenüber. Zum einen war ich nie ein großer Bewunderer von Grass zum anderen finde ich eine Jugendsünde in einem System wie dem hitlerschen verzeihlich. Dann erinnerte mich aber an den personifizierten moralischen Zeigefinger Grass der Kohl kritisierte weil dieser mit Ronald Reagan einen Soldatenfriedhof besuchte auf dem auch SS Angehörige begraben waren.

Es gehört eine Portion Dreistigkeit dazu sich in so einer Frage als moralische Instanz aufzuführen und gleichzeitig zu wissen dass man selbst ein Angehöriger der Waffen-SS war. Es ist schon mehr als Dreistigkeit, es ist ärmlich und es spielt auch Schamlosigkeit mit hinein.

Zudem kann ich mir vorstellen wie die Hohepriester der Moral reagiert hätten wenn Martin Walser sich so offenbart hätte.  Der Mann wäre gesellschaftlich tot gewesen. Bei Grass ist es dann verzeihlich, schließlich stand er immer, auch vor 1945, auf der richtigen Seite, bei der, mehr oder weniger  eingebildeten, Elite.

24.8.06 14:09

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Manfred / Website (24.8.06 15:26)
Na ja, gerade in einem solchen Abriss wird deutlich, wie relativ moralische Kriterien mitunter ausgelegt werden können. So ist es offensichtlich ein Unterschied, dass Grass seinerzeit blutjung und allerhöchstens Mitläufer war, während Kohl und Reagan erwachsen und als Politiker einigermaßen bedacht sein sollten. Andererseits war es ein Friedhof und tote SS-Angehörige sind auch nur tote Menschen, Bestandteile der Vorgeschichte. Wie kann man Toten die kalte Schulter zeigen und wem nützte dies? Waren sie nichts weiter als - WOMÖGLICH brutale - SS-Angehörige oder waren sie auch liebende Familienväter, denen ihr gesellschaftliches Versagen a) von der Gesellschaft großzügig übertüncht wurde und b) im Familienkreis so peinlich und denen ihr Handeln selbst so ungeheuer war, dass sie es bis zur Selbstverleugnung verdrängten? Und ist nicht Hitler selbst auch nicht mehr und nicht weniger als ein Mensch, ein Produkt der Rückkopplungen aus seiner Mitwelt? Betet denn kein Gläubiger für Hitlers Seele, dass sie - das wäre wohl minimal gerechtfertigt - nach 10 Millionen Jahren Fegefeuer vielleicht dochmal erlöst wird? Und müssen wir nicht vielmehr aufpassen, dass wir keinen neuen Hitler erzeugen? Die Voraussetzungen haben "wir" ja schon geschaffen: Massenarbeitslosigkeit, Arbeitslose zu Sündenböcken durch grundgesetzwidrige, faschistoide Gesetze, Totalüberwachung, antikommunistische Hetze, Ausländerdrangsalierungen - wieviel fehlt eigentlich noch bis zum Faschismus?

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen